Wir stehen vor einer Zukunft mit bereits im Täglichen ungewissem Verlauf, mit Transportproblemen und mit vielem Waschen. Und wir haben sehr viel Zeit. Bereits das lässt unseren, aus der Erwerbstätigkeit erworbenen Planungs-Realisierungsmechanismus in Frage, und mit der Zeit ganz umstellen. Oft beginne ich mit etwas oder mache einen weiteren Schritt in etwas, was ich bereits begonnen habe, lasse das wieder und wende mich etwas anderem zu. Das heisst, ich habe viele begonnene, laufende Prozesse. An vielen Orten stehen Dinge herum, die darauf warten, einen Schritt voran zu kommen, und wenn ich mit etwas herumlaufe, mit dem ich etwas zu tun habe, treffe ich auf anderes, das ich da gleich mitnehmen und an den gleichen Ort bringen oder mit den gleichen Werkzeugen behandeln kann. Es ist deshalb auch eine effizientere Zeit. Und ich muss mir kritische Verfahren besonders merken, etwa das Waschen, damit ich die Wäsche nicht in der Maschine lasse bis sie stinkt, oder das kochende Wasser in der Pfanne bis die Pfanne glüht.
Das jeweils nächste Thema ist dasjenige, mit dem ich auf keinen Fall ins Hintertreffen geraten will. Da ist in dieser Zeit das Buch, das ich auch schon gerne fertig hätte, und es ist jeden Tag die Ernährung meiner Mutter. Sie isst nicht mehr, trinkt nur schluckweise und trinkt mehr, wenn das Glas möglichst immer sauber ist. Das hält mich den ganzen Tag durch auf Trab, ich darf damit nicht zu spät beginnen, und der Tag endet erst, wenn sie mindestens sechseinhalb Deziliter Fresubin getrunken hat. Aber das ist kein Problem, denn ich kann mich jederzeit auch hinlegen und etwas auftanken. Das gehört so zum Schema unserer 24-Stunden- oder Angehörigenpflege mit bei Bedarf dazwischen Einlagenwechsel, kurz Einkaufen, Kochen, Putzen, und unterbrochen durch einen Schwatz mit Nachbarn.
Wenn Sie unsere Wohnung betreten, sehen Sie nicht nur viele Dinge, die zu den vielen laufenden Prozessen gehören. Sie sehen auch viele Objekte, von denen Sie sich gewohnt sind, dass sie einen festen Ort haben, die bei uns herumgerutscht werden. Sie erkennen das im Wohnzimmer zum Beispiel daran, dass man sich kaum in einen Fauteuil setzen kann. Sie sind zu nahe am Tisch. Nun, auch die Möbel müssen bei uns der Hauptsache Platz machen, und die besteht darin, dass die Prozesse, die meine Mutter braucht, genügend Platz haben. Da ist zum Beispiel das geführte Herumlaufen in der Wohnung mit Kreisen und einem von meiner Mutter stetig ausgeweiteten Parcours heute vom Esstisch ins Wohnzimmer in den Gang zurück ins Wohnzimmer, dann in die Küche und zurück zum Esstisch mit Hinsetzen wieder im Rollstuhl. Das sind pro Runde 30 bis 35 Meter, und Runden sind es täglich um die zehn. Ich unterstütze das sehr auch mit der Anleitung, dass sie sich ganz aufrichten und die Beine wieder durchstrecken soll, aber auch da ich ihr nach jeder Runde Fresubin anbieten kann und sie meistens zwei, drei Schlückchen nimmt. Es ist schon ein gewisser Aufwand, den wir da leisten, aber für diese existenzielle, kritische Sache ist mir das auf jeden Fall der Wert. Ich bin laufend auch noch am Experimentieren mit anderen Geschmäckern, und wer weiss, vielleicht tut sie auch in diesem Bereich noch wieder den Knopf auf. Absteigend käme es wohl zu einer PEG-Sonde, also direkt durch die Magenwand. Im Luzerner Kantonsspital wird das bei Demenz abgelehnt, im Kantonsspital Aarau bei dem fantastischen Prof. Philipp Schütz, Koryphäe der künstlichen Ernährung, wenn ein funktionierendes Angehörigensystem vorliegt, nicht. Die Sichtweise des Luzerner Kantonsspitals, welches das Soziale ausblendet, ist falsch und ein Auswuchs der heutigen egomanischen Weltsicht. Wir haben noch nie alleine überlebt.
Gerade sind wir in einer sicherheitstechnisch kritischen Phase. Meine Mutter verbindet sich wieder mehr mit der Materie und dehnt diesen Kosmos aus. Das hält bei Demenz niemand von den Studierten für möglich. Sie hält manchmal stundenlang ein Stück Materie ganz fest in ihren Händen. Beim Sprechen kommt mehr Kontext und beim Herumlaufen schaut sie herum und kommentiert was sie sieht. Es ist wieder das Erkunden der materiellen Welt wie bei der Neugier der kleinen Kinder. Sie will wieder aufs Klo und steht dort aber auch selber wieder auf, was bedeutet, dass sie dort überwacht werden muss. Sie steht nun auch vom Bett und vom Esstisch wieder selber auf, mit der gleichen Problematik. Es ist fantastisch, dass sie sich die Hosen auch wieder selber hochzieht, aber sicherheitstechnisch ist das ernst. Aber es gibt zum Glück immer wieder auch technische Lösungen. Gerade sind wir daran, einen Gehwagen anzuschaffen. Dieser wird den Rollstuhl ersetzen. Meine Mutter kann darin jederzeit aufstehen, herumgehen und sich jederzeit eben auch wieder hinsetzen. Dieser Gehwagen ist in der Schweiz kaum bekannt und kann auch noch nicht gemietet werden. Wir müssen ihn deshalb kaufen, ihn in Deutschland, für EUR 1‘494.00, ab Werk. Objekte wie diesen Wagen behandeln wir unter den Empfehlungen weiter, und wenn wir sie einmal nicht mehr brauchen sollten unter den Miet- oder Kaufobjekten. Und Geräte wie den Treppensteiger, die für den Gebrauch eine nicht ganz kurze Instruktion benötigen, bieten wir von uns bedient als Dienstleistung an. Mal soweit. (26. Juli 2026)
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